Resultate:

Blog

Es braucht mehr als Fairfood

12. Sep. 2018 | Gastautor

Die beiden Nahrungsmittelinitiativen fordern uns heraus – als Wahlberechtigte wie als Konsumierende.

Kurt Zaugg-Ott
Theologe, Leiter der Fachstelle oeku Kirche und Umwelt

Die beiden Landwirtschaftsinitiativen treffen einen empfindlichen Nerv bei der Bevölkerung: Alle möchten sich gesund, umwelt- und tierfreundlich ernähren. Billige Massenproduktion steht unter Generalverdacht. Diese Sicht entspricht der christlichen Ethik weitgehend. Nachhaltigkeit – oder in theologischen Worten: das Bewahren der Schöpfung ist ein wichtiger Wert. Dass Tiere artgerecht gehalten werden sollen, ist im Grunde kaum bestritten. Schliesslich sind sie unsere Mitgeschöpfe, die leidensfähig sind wie wir. Die Realität der landwirtschaftlichen Produktion entspricht aber oft nicht unserer Vorstellung – weder in der Schweiz noch im Ausland. Nur schon das Wort „Fleischproduktion“ zeigt, wie sehr wir andere Geschöpfe verzwecken.

Nur schon das Wort „Fleischproduktion“ zeigt, wie sehr wir andere Geschöpfe verzwecken.

Beide Ernährungs-Initiativen, über die am 23. September abgestimmt wird, wollen die Bundesverfassung mit einem Grundsatzartikel ergänzen, der festlegt, dass Lebensmittel qualitativ gut, ressourcenschonend und umweltfreundlich produziert sein sollen. Importierte Lebensmittel sollen annähernd gleichen Qualitätsanforderungen genügen wie die inländischen. Die Fairfood-Initiative bietet bei der Zulassung von Lebensmitteln und der Förderung regionaler Vermarktung durch den Bund eine gewisse Flexibilität in der Auslegung. Die Ernährungssouveränitäts-Initiative dagegen setzt auf Importzölle, ein Gentechverbot und die Förderung der kleinbäuerlichen Produktion. Sie stellt damit die aktuelle Landwirtschafts- und Handelspolitik des Bundes grundsätzlich in Frage.

Eigentlich böte schon der Nachhaltigkeitsartikel der Bundesverfassung (Art. 73) genügend Möglichkeiten, eine umweltschonende und qualitativ hochwertige Produktion von Lebensmitteln zu fördern. Die Schweizer Landwirtschaft hat ihre Umweltziele in den letzten Jahren aber verfehlt. Es werden nach wie vor zu viel Kunstdünger und zu viele Chemikalien eingesetzt. Ganz allgemein ist die Schweiz nicht auf Nachhaltigkeitskurs – drei Viertel unseres Energiebedarfs werden mit nicht erneuerbaren Energien gedeckt – vom Energie- und Ressourcenbedarf importierter Güter ganz zu schweigen. Und auch der Bodenverbrauch geht fast unbegrenzt weiter.

Die Initiativen konzentrieren sich auf die landwirtschaftliche Produktionsseite. Genauso wichtig ist aber die Seite der Konsumierenden.

Eine nachhaltige Entwicklung können wir nur verwirklichen, wenn wir die Stoff- und Materialflüsse über die Grenze mit einbeziehen. Die Schweiz verfügt über 2700 Quadratkilometer Ackerfläche, nutzt aber zusätzlich eine gleich grosse Fläche im Ausland, um das für unseren Fleischkonsum notwendige Tierfutter zu produzieren. Die Initiativen gehen das Problem auf der Produktionsseite an. Genauso wichtig ist aber die Seite der Konsumierende, denn der Bedarf an Ackerfläche und die Umweltbelastung sinken automatisch, wenn weniger Fleisch und mehr Getreide und Gemüse auf den Tisch kommen.
Die Fairfood-Initiative – wenn sie denn vom Parlament halbwegs konsequent umgesetzt würde – trüge immerhin dazu bei, dass die ökologische Qualität der einheimischen und der eingeführten Produkte stiege. Es wird die Aufgabe des Parlaments sein, die Initiative so umzusetzen, dass die Qualität der angebotenen Nahrungsmittel nachweislich besser wird, ohne dass die Preise übermässig steigen. Und wir als Konsumierende sind gefragt, die Anliegen der Initianten nicht nur an der Urne, sondern auch beim Einkauf zu unterstützen – mit oder ohne Annahme der Vorlage.

Tags

  • Abstimmung
  • Ethik
  • Fairfood
  • Landwirtschaft
  • Nahrungsmittel
  • oeku
  • Politik
  • Umwelt

Kategorien

  • Dialog
  • Ethikdialog
  • Politikdialog

Tags

  • Abstimmung
  • Ethik
  • Fairfood
  • Landwirtschaft
  • Nahrungsmittel
  • oeku
  • Politik
  • Umwelt

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.